PR A

Yearbooktext ETH Zurich Prof. Marc Angélil

  • Year: 2012
  • Type: Text
  • Im Ernst: gründen wir eine Stadt.

    Die Stadt, die es zu gründen gilt, soll eine Musterstadt sein in

    dem Sinne, dass sie eine Entwicklung einleitet, die natürlicherweise

    auch sie überholen wird, also nicht eine Endstation, nicht ein Diktat,

    dem die Standardisierung aller Schweizerstädte folgt. Wir meinen

    keinen Unsinn, sondern einen Versuch, der uns in jedem Fall, ob er

    glücklicher oder etwas weniger glücklich gelingt, zeigen wird, wo

    wir mit unseren Problemen stehen. (…)[1]

    Welche architektonischen und städtebaulichen Massnahmen und Strategien können zu einer nachhaltigen Strukturentwicklung in der Metropolitanregion Zürich beitragen? Wie können die Anforderungen an das erwartete Bevölkerungswachstum baulich erfüllt und gleichzeitig der attraktive Lebensraum erhalten und die natürlichen Ressourcen geschont werden? Welche planerischen Taktiken können den strukturellen Problemen entgegenwirken und die bestehenden räumlichen Qualitäten stärken? Wie sieht die Metropolitanregion Zürich von morgen aus? Aufbauend auf den Überlegungen von Max Frisch, Luzius Burckhardt und Markus Kutter, die im Pamphlet „achtung: die Schweiz“ Alternativen zu der sich schon damals abzeichnenden Zersiedelung gefordert hatten,  sollte diese neue Stadt die Expansion Zürichs in geregelter Weise aufnehmen können und gleichzeitig eine moderne Schweiz manifestieren. Obwohl die „Furttalstadt“ nie gebaut wurde, sind innovative und radikale Strategien im Umgang mit dem zunehmenden Wachstumsdruck heute wieder sehr aktuell. Dabei kann die räumliche Entwicklung als Resultat spezifischer Überlagerungen unterschiedlicher Bedingungen und Prozesse verstanden werden. Der naturräumliche Kontext, die wirtschaftliche Entwicklung, gesellschaftliche Dynamiken oder die Verfügbarkeit von Ressourcen und Infrastrukturen prägen die spezifischen Strukturen und Formen urbaner Gebiete. Ausgehend von diesem vielschichtigen Verständnis urbaner Systeme sollen für die Agglomeration von Zürich spezifische, raumdefinierende Wirkungszusammenhänge analysiert werden und zu unterschiedlichen, neuerungsbereiten und durchgreifenden Zukunftsvisionen führen. Als Untersuchungsraum dient im Frühjahrssemester 2011 das Furttal, welches einer der dynamischsten Regionen des metropolitanen Grossraums Zürich ist. Die gesamte Metropolitanregion, die sehr unterschiedliche Urbanisierungsmuster und urbane Konstellationen umfasst, ist im Rahmen des Herbstsemesters 2010 untersucht worden, und bildet die Grundlage für das Erarbeiten unterschiedlicher Zukunftsszenarien für die städtebauliche Entwicklung der Fallstudie Furttal. In diesem Kontext erweist sich die Frage nach Urbanität und deren Qualifizierung in urbanen Transformationsprozessen als enorme Herausforderung. Verschiedene Strategien und Szenarien werden anhand von Testplanungen und Testprojekten auf unterschiedlichen Massstäben erkundet. Das Bauwerk Stadt ist dabei als offener Prozess zu verstehen, bei dem nicht ein bestimmter Endzustand im Vordergrund steht, sondern vielmehr die Wirkungsweisen von Entscheidungen und Eingriffen auf die fortschreitende Transformation des Raums von Interesse sind.

    Fussnoten: 1 Max Frisch: achtung die Schweiz. Ein Gespräch über unsere Lage und ein Vorschlag zur Tat. Basel und Zürich, Januar 1955